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Rafael Dernbach

Blogger zu Gast 2015

"'Kunst kann man nicht lehren, aber man kann sie lernen.' So lautete das Mantra, das mein Filmprofessor Jean-Pierre Gorin zu Beginn all seiner Seminare verkündete. Erst viel später verstand ich, was er damit meinte: dass es viele Arten des Nichtlehrens gibt. Nichtlehren und Verlernen wurden so die zwei Themen, an denen ich meine Beobachtungen als Blogger zu Gast der Sommerakademie 2015 orientierte.

Was habe ich also gelernt als Insider-Outsider der Akademie? Oder besser, was habe ich während der sechswöchigen Beobachtungen verlernt? Sicherlich das Fragenstellen, das ich ge- ver- und wieder neu erlernt habe. Denn sowohl verlernen also auch nichtlehren wird von Fragen angetrieben. Die unzähligen Fragen – praktische wie theoretische – die in den Kursen auftauchten, sich veränderten und wieder verschwanden, erstaunen mich noch heute im Nachhinein. Während andere Produktionspraktiken von Protokollen, Standards und Lösungsorientiertheit beherrscht werden, wird die Kunst von Fragen geleitet. Eine Frage ist zunächst nicht mehr als der Ausdruck eines Wollens, eines Wunsches, einer Absicht: fragen, wollen, suchen, nicht antworten können, nicht befriedigen können, nicht ankommen können. Wenn eine Frage aber eine andere berührt, so ändert sie ihre Richtung und verändert sich. Sie braucht diese anderen Fragen: sonst wird sie selbst zur Antwort.

Konsequenterweise habe ich meine Zeit als Beobachter zu Gast mit einer Liste von Fragen abgeschlossen. Jede Frage ist zu einem meiner vorherigen Blogeinträge verlinkt. Bitte erwarten Sie keine Antworten. Machen Sie sich die Fragen vielmehr zu eigen und bringen Sie sie zum schwingen mit Fragen, die Sie schon bei sich tragen. Dies ist mein Beitrag zum Verlernen und Nichtlehren und gleichzeitig dessen Dokumentation.

 
Wie fange ich an?
Wie finde ich eine Geschichte?
Was heißt es, in der Öffentlichkeit zu arbeiten?
Wie arbeite ich mit dem, was da ist?

Was ist der Unterschied zwischen Beobachtung und Erkundung?
Wie gelangt man zu einer Intention?
Ist mir meine Vergangenheit zum Hindernis geworden oder ist sie mein Material?
Wie kann ich meine Muster durchbrechen?
 
Kann mein Material meinen Prozess vorwegnehmen?
Welche Fragen sind meine Fragen?
Wann passe ich mich an, wann drücke ich mich aus?
Welche Objekte ebnen den Weg für die finale Idee?
 
Wie sehr bin ich in das verstrickt was ich nicht will?
Was entfremdet mich? Und was könnte mich von meiner Entfremdung entfremden?
Welche Rolle spielt Humor bei all dem?
Welche geistigen Landkarten leiten meine Wege?
 
Wie kann ich mit Unbestimmtheit umgehen?
Wie kann ich meinen Fortschritt formalisieren? Muss ich ihn formalisieren?
Welche Geschichten müssen erzählt werden?
Wie werde ich mit meinem Material vertraut?
 
Welche Geschichte und welches Erbe hat der Blick den ich annehme?
Was macht mein Körper, wenn ich mache was ich mache?
Was machst du, wenn du nicht weißt was du machst?
Welche Blackboxes stehen uns im Weg? Auf welchen Blackboxes stehst du?
 
Was ist der Prozess und was ist das Ergebnis?
Wie geht es den anderen?
Wie baue ich meine Hemmungen gegenüber einem Material ab?
Was bleibt unerledigt bei all dem was ich gemacht habe?
Was lasse ich sein, wo bleibe ich dran?"


Rafael Dernbach, geboren 1988 in Gießen (DE), studierte Medientheorie und Sozialanthropologie in Maastricht (NL), San Diego (US), Berlin und Cambridge (GB). Als Autor und Journalist schreibt er für mehrere Medienportale wie ZDFinfo und ZEIT ONLINE. Als Gates Scholar arbeitet er derzeit an einem PhD über zeitgenössische Dokumentarpraktiken an der Universität Cambridge.

Twitter: @rdernbach

Blog
www.summeracademy.at/blog